Friedhof Ohlsdorf



Erst Schuljunge dann Botschafter John Langley, Loki Schmidt und der Friedhof Ohlsdorf


Hannelore (Loki) Schmidt († 21.10.2010) im Gespräch mit Harald John Langley
Hannelore (Loki) Schmidt († 21.10.2010) im Gespräch mit Harald John Langley

Ohlsdorf / Langenhorn. Auch wenn er 1949 in Barmbek zur Welt kam – Kindheit und Jugend hat John Langley, Norddeutschlands bekanntester „Grüner Daumen,“ in Langenhorn verbracht. An der Schule Eberhofweg war Loki Schmidt seine Bio-Lehrerin – sein Vater pflegte Commonwealth-Gräber auf dem Friedhof Ohlsdorf. Eine Konstellation, die starken Einfluss auf sein späteres Leben haben sollte. Anlässlich des 140. Jahrestages der Eröffnung des größten Parkfriedhofs der Welt sprach das Wochenblatt mit Langley über den Friedhof und Loki Schmidt.

 

WB: Herr Langley, sie wurden 1949 in Barmbek geboren. Ihr Vater war für die Pflege der Commonwealth-Gräber auf dem Friedhof Ohlsdorf verantwortlich. Wie sind ihre ersten Erinnerungen an Ohlsdorf?

 

„Dieser Friedhof war für mich bereits in den 50iger Jahren der Ort der Ruhe inmitten der englischen Soldatengräber. Als junger rothaariger Knabe hatte ich gelernt mit ‚verhaltender‘ Spielfreude zwischen den gepflegten, blühenden Staudenbeeten entlang der Gedenksteine hin und her zuspringen. Es gab keine richtigen Wege zwischen den Grabreihen, sondern die gesamte Friedhofsfläche war und ist heute noch durchgehend mit Rasen umgeben. Meine Hüpfspuren gruben sich deutlich in den frisch gemähten ‚Englischen Rasen‘ ein. Nicht anders erging es mir selbst. Der grüne Teppich der Natur und die Vielfalt der Stauden dort machten nachhaltig Eindruck auf mich.“

 

WB: Sie waren schon früh „geschäftlich“ auf dem Friedhof unterwegs – wie kam es dazu?

 

„Ich gehörte zu den vielen Jungs, die an den herbstlichen Gedenktagen am Ohlsdorfer Bahnhof mit einer kleinen Karre warten, um Tannenbündel (oft sehr schwere) zu den Gräbern zu fahren. Heute hat fast jeder ein Auto, aber damals war das ein einträglicher Job, der etwas Taschengeld brachte. Und weil ich auch zu wissen glaubte, wie diese Tanne ‚richtig‘ auf das Grab gelegt werden müsste, hatte ich immer etwas mehr Anerkennung und Taschengeld. Denn die verwunderten Friedhofsbesucher waren dankbar über meine unerwartete Art und Weise der gestalterischen Unterstützung. Vielleicht habe ich auch deshalb mit großer Freude Friedhofsgärtner gelernt, weil dieser Beruf nicht nur mit Natur, Kultur, sondern mit vor allem mit Menschen zu tun hat.“

 

WB: Loki Schmidt war Ihre Bio-Lehrerin – sie sind seit 2011 Botschafter der Loki-Schmidt-Stiftung. Welchen Kontakt haben Sie zu Ihr gepflegt?

 

Es hat immer wieder Begegnungen gegeben. 2010 besuchte ich Loki Schmidt noch einmal bei ihr Zuhause in Hamburg-Langenhorn. Im Gespräch haben wir ganz entspannt die unterschiedlichsten Themen angesprochen und sogar ‚etwas‘ die Welt gemeinsam gerettet. ‚Loki‘ wollte eigentlich Biologie studieren, doch das scheiterte an den Studiengebühren, so wurde sie nach einem in vier Semestern absolvierten Pädagogikstudium Lehrerin. Verständlich, dass es hier viel zu plauschen gab. Als Unterrichtender von Gärtnern und Floristen und damit verbundener Naturbezug hat unser gemeinsames persönliches Gespräch in alle Richtungen geführt. Ihre Kernbotschaft, der auch ihre Stiftung verpflichtet ist lautet: ‚Wir wollen doch alle nicht, dass unsere Natur noch mehr verarmt.‘ Die Vielfalt der Pflanzenwelt gilt es zu erhalten und gefährdete Pflanzen zu schützen. Diese Zeit mit ihr war für mich etwas ganz Besonderes. Sie war auch für mich ein ‚Leuchtturm‘ und für so viele Menschen weltweit ein wegweisender Mensch. Deshalb wird keiner von uns und auch ich nicht, Loki vergessen.

 

WB: Loki Schmidt liegt seit 2010, ihr Mann Helmut seit 2015 auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Was verbindet Sie mit diesem Park ?

 

Da würde es eigentlich eine sehr komplexe Antwort geben, vieles ist hier im Interwiev bereit kurz fixiert. Es ist für mich ein Ort der Reflektion, der Besinnung und des Lebens. Ich besuche viele Friedhöfe, weil sie und die damit verbundene Friedhofskultur unsere Gesellschaft widerspiegeln. Bei jedem Spaziergang zwischen den Gräbern, Grabsteinen, Kapellen, Mausoleen, Freiflächen und Bäumen eines einzigartigen Landschaftsparks stelle ich fest, dass sich Friedhof und Bestattungskultur im Wandel befindet. Dazu kurz später. Ist das ok?

Was verbindet mich mit diesem Ort? Durchaus überwiegt hierbei, das gesamte natürliche Milieu und Habitat für Flora und Fauna. Mit fast 450 unterschiedlichsten Gehölarten ist dieser Standort inmitter der Stadt unverwechselbar, einzigartig den gesamten „Park der Toten“, in Hamburg Ohlsdorf. Oft findet sich insbesondere bei der bepflanzten Ruhestätten - vermutlich der Robustheit und „Pflegeleichtigkeit“ geschuldet – eine gepflanzte einheitliche Gleichförmigkeit der "TrauerBotanik" auf. Das beginnt mit dem Stiefmütterchen und endet mit der bienenunfreundlicher Knospenheide. Zunehmde zeigen sich unterschiedlichste Stauden oder die Aussaat oder Bepflanzung von Wildstauden oder Nektarpflanzen auf oder zwischen den Gräbern. Sie könnten der richtige Weg sein. Wie beispielsweise auf dem Friedhof Altona mit der Erinnerungsgärten. Zurück nach Ohlsdorf, ich erinnere mich noch gut über die bunten Commonwealth-Gräber mit ihren vielfältigen Staudenprogramm. Begeistert wäre Loki auch über die Wildblumenstreifen entlang der Lärchenallee und an anderen Stellen. Die Artenvielfalt dieser Bienenweiden wäre genau in ihrem Sinn. Was ihr vermutlich weniger gefallen würde ist der verstärkte „Grabkult“ vieler Prominentengräbern auf dem Friedhof. Obwohl ich am Grab bei den Schmidts auch in diesem Zusammenhang über den Sinn des Lebens, meines Lebens intensiv nachtgedacht habe.

 

WB: Sie sind später selbst Gärtner und Florist geworden, waren als Lehrer für die Ausbildung von Gärtnern, Floristen und Meister verantwortlich. Welchen Stellenwert hat für Sie der Gartenaspekt des Friedhofs Ohlsdorf?

 

„Was früher noch etwas ‚platt‘ formuliert mit dem Wort ‚Umweltschutz‘ belegt wurde, hat sich für mich in meinen Aktivitäten immer stärker in Nachhaltigkeit gewandelt, oder genauer verändert. Damit ist auch das gärtnerische Tun und Denken auf den Ruhestätten gemeint. Zukunftsorientiert zu gärtnern ist so einfach. Jeder kann - wo auch immer - sofort aktiv werden. Je artenreicher, umso ‚er‘lebenswerter sind auf Dauer Fauna und Flora. Beim Pflanzen heimischer Gewächse wird unmittelbar der Lebensraum und die Nahrungsquelle für einheimische Tierarten nachhaltig bereichert. Ein Verzicht auf torffreie Erden und Substrate ist ein richtiger Schritt nach vorn. Der unkontrollierte Griff und damit verbunden die ‚wahllose‘ Verteilung von ‚Tonnen‘ an Dünger hat schon lange die Grenzen der Verwertbarkeit für die Natur erreicht. Fakt ist, dass fast jeder zweite Hausgarten ‚grund‘sätzlich überdüngt ist. Als ‚grüne Haut‘ sollten bodendeckende Pflanzen bevorzugt gepflanzt werden. Sie schützen den Boden vor Austrocknung und Auswaschung. Bedeutet das alles ‚Zurück zur Natur‘? Nein! Eine nachhaltige Gesellschaft lebt in Einklang mit sich und der Natur und steigert damit auch auf dem Friedhof die Lebensqualität.“

 

WB: Der Wandel der Bestattungskultur führt zunehmend zu Leerständen auf den Friedhöfen. In Hamburg will man mit dem Projekt „Ohlsdorf 2050“ mit neuen Akzenten das Überleben des Friedhofs sichern. Was sollte aus Ihrer Sicht unternommen werden?

 

„Mit dieser Antwort auf eine komplexe Frage mache ich es mir heute ganz leicht. Profit und Pietät liegen ganz, ganz eng beieinander. Jeder Friedhof ist und bleibt immer ein Spiegelbild unserer Gesellschaft und deren Wertschätzung mit dem verstorbenen Menschen. Hamburg hat ein ‚grünes Juwel‘ mit dem Parkfriedhof in Ohlsdorf. Deshalb ist es gut, sich an einem Leitbild und nicht an einem ‚Leidbild‘ zu orientieren. Wenn wir unsere Individualisierung etwas zurückstellen würden, dann könnte es viel mehr pflegeleichtere und mit Sicherheit artenreichere Gräber geben. Ein guter Weg in diese Richtung könnte ein ‚Memoriam-Garten‘ sein. Memoriam-Gärten sind wunderschön gestaltete Gärten, die zugleich Teil eines Friedhofs sind. Die lateinische Phrase ‚in memoriam‘, zu Deutsch ‚In Gedenken/In Erinnerung an…‘ wird hier perfekt verkörpert, denn an diesem friedlichen Ort wird kein Verstorbener anonym beigesetzt: Ihre Namen werden auf kunstvollen Grabmalen verewigt. Darüber hinaus sind alle Grabstätten in harmonischer Art und Weise miteinander verbunden, es gibt keine klaren Abgrenzungen wie bei klassischen Gräbern. Diese neuen, oft noch unbekannten ‚Friedhofsgärten,‘ wirken dadurch wie eine zeitlose, natürliche Botschaft an viele Menschen, die einen Lebensraum suchen, der nicht nur der Reflektion, sondern auch der Inspiration dient. Naherholung und mittendrinn gemeinschaftlich Gärtnern? Ja, warum nicht, das Gelände des Parkfriedhofs Ohlsdorf in Hamburg ist groß genug um einfach mehr ‚Lebendigkeit‘ zuzulassen.“

 

WB: Welche Nutzungen von Flächen und Kapellen schließen Sie aus?

 

Geschichtlich geprägte Gräber oder Grabanlagen (Krieg, Katastrophen wie Flut, Feuer – um nur einige Beispiele zu nennen) müssen erhalten bleiben. Eine Nutzung von Kapellen oder Freiflächen für Ausstellungen, Dokumentationen oder Präsentationen kann ich mir durchaus vorstellen. Da zurzeit die Einrichtung von Kitas oder sogar Sportangebote die öffentliche Diskussion aktiv bereichern, könnte ich mir auch eine aktive Einbeziehung von einem NaturkinderGARTEN oder Nordic Walking; Yoga, Tai-Chi und Pilates als Ausdauersportart für Seele und Körper inmitten der Natur. Selbst das bereits erlaubte Radfahren und Wandern könnte besser ausgebaut durchaus die Umsetzung vom Projekt „Ohlsdorf 2050“ bereichern.


Friedhof in Aumühle



Herbstlicher Friedhof


Foto: Hilia Höpker